Aus einem ersten Gespräch wird ein regelmäßiger Besuch. Aus vorsichtigem Kennenlernen entsteht Vertrauen, manchmal sogar Freundschaft. Und Schülerinnen und Schüler erleben bei gemeinsamen Aktivitäten, wie bereichernd der Kontakt zu älteren Menschen sein kann. Das Essener Projekt „Seniorinnen und Senioren im Mittelpunkt – Beratung und Teilhabe in Essen“ zeigt nach rund eineinhalb Jahren: Gegen Einsamkeit im Alter wirken vor allem persönliche Ansprache, verlässliche Beziehungen und eine gute Zusammenarbeit im Stadtteil.
Seit Januar 2025 erproben die Contigo-Ruhr gGmbH und die Ehrenamt Agentur Essen e. V. diesen Ansatz in Frohnhausen, Holsterhausen und Altendorf. Gefördert wird das Projekt von der Brost-Stiftung. Bei einem Pressegespräch im Zentrum 60plus Messings Garten zogen die Beteiligten am 1. Oktober eine erste Bilanz.
Im Mittelpunkt standen dabei nicht Konzepte, sondern konkrete Erfahrungen: Eine Seniorin und ihre ehrenamtliche Begleiterin berichteten von ihren regelmäßigen Treffen. Teilhabe-Lotsinnen schilderten, wie sie Kontakt zu älteren Menschen aufbauen, die bestehende Beratungs- und Begegnungsangebote von sich aus kaum nutzen. Und aus der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern wurde deutlich, wie Begegnungen zwischen den Generationen neue Zugänge schaffen.
Erst erreichen, dann Beziehungen ermöglichen
Eine zentrale Erfahrung des Projekts ist: Angebote gegen Einsamkeit helfen nur, wenn sie die Menschen auch erreichen. Gerade zurückgezogen lebende ältere Menschen kommen häufig nicht von selbst in eine Beratungsstelle, ein Begegnungszentrum oder zu einer Freizeitgruppe.
Deshalb beginnt die Unterstützung dort, wo die Menschen leben. Die Teilhabe-Lotsinnen von Contigo suchen ältere Menschen in ihrem Quartier auf, hören zu, beraten und vermitteln passende Unterstützung oder Möglichkeiten zur Begegnung. Dabei geht es zunächst darum, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam herauszufinden, was der einzelne Mensch braucht und möchte.
An diesem Punkt setzt die Ehrenamt Agentur Essen an. Sie gewinnt, qualifiziert und begleitet Ehrenamtliche, die ältere Menschen regelmäßig besuchen. Das Matching braucht Zeit und Sorgfalt: Interessen und Erwartungen müssen zusammenpassen, beide Seiten sollen sich miteinander wohlfühlen. Gelingt dies, kann aus einem vermittelten Kontakt eine verlässliche Beziehung werden – ein regelmäßiges Gespräch, ein gemeinsamer Spaziergang, Unterstützung im Alltag oder auch eine Freundschaft.
Der dritte Baustein bringt die Generationen zusammen. Im Projektbereich „Junge Patinnen und Paten für Seniorinnen und Senioren“ engagieren sich Kinder und Jugendliche in Einrichtungen für ältere Menschen. Gemeinsame Aktivitäten schaffen Begegnungen, die im normalen Alltag oft fehlen.
Zusammenarbeit statt einzelner Angebote
Die Stärke des Projekts liegt im Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Zugänge. Professionelle aufsuchende Beratung, qualifiziertes Ehrenamt und generationenübergreifende Begegnungen werden nicht nebeneinander organisiert, sondern miteinander verbunden.
Contigo bringt seine Erfahrung in der quartiersnahen und aufsuchenden Arbeit ein. Die Ehrenamt Agentur ergänzt dies durch ihre Erfahrung in der Gewinnung, Qualifizierung und Begleitung von Ehrenamtlichen sowie mit generationenübergreifenden Engagementformaten. Die Förderung der Brost-Stiftung ermöglicht es, diese Bausteine über einen längeren Zeitraum gemeinsam zu erproben und weiterzuentwickeln.
Zugleich wächst rund um das Projekt ein Netzwerk aus sozialen Einrichtungen, Beratungsstellen, Schulen, Begegnungsorten und weiteren Partnern. Denn die bisherigen Erfahrungen zeigen auch: Einsamkeit im Alter lässt sich nicht mit einem einzelnen Angebot bearbeiten. Menschen müssen persönlich erreicht werden, passende Unterstützung finden und die Chance bekommen, wieder tragfähige soziale Kontakte aufzubauen.
Vom Modell zur verlässlichen Struktur
Beim Pressegespräch wurde deshalb auch diskutiert, wie die Erfahrungen über die aktuelle Projektlaufzeit hinaus genutzt werden können. Gemeinsam mit der Brost-Stiftung, der Stadt Essen und weiteren Partnern soll geprüft werden, welche Bausteine langfristig gesichert, mit bestehenden Strukturen verbunden und perspektivisch auch auf andere Essener Quartiere übertragen werden können.
Das Projekt läuft in seiner aktuellen Phase bis Ende 2027. Die Zeit soll genutzt werden, um weiter zu erproben, welche Zugänge besonders gut funktionieren und was nötig ist, damit aus erfolgreichen einzelnen Begegnungen verlässliche Strukturen gegen Einsamkeit entstehen können.
Die bisherige Bilanz
Die Erfahrungen aus den persönlichen Begegnungen spiegeln sich inzwischen auch in den Zahlen wider. Bis September 2026 wurden mehr als 200 aufsuchende und 250 telefonische Beratungen und Begleitungen durchgeführt. 100 Anlaufstellen wurden über das Projekt informiert, mit 40 Kooperationspartnern besteht ein regelmäßiger Austausch.
Für die persönliche Begleitung älterer Menschen wurden bislang 57 erwachsene Ehrenamtliche qualifiziert. Daraus sind 20 feste Begleitungen entstanden, davon 17 interkulturell geprägt. Weitere Begleitungen befinden sich in der Anbahnung oder im Matching.
Auch der generationenübergreifende Bereich ist gewachsen: Bislang wurden 28 Engagement-AGs aufgebaut und rund 280 junge Menschen erreicht. Aktuell engagieren sich 80 Kinder und Jugendliche aus elf Schulen. In den beteiligten Einrichtungen wurden mit den Aktivitäten rund 580 Seniorinnen und Senioren erreicht.
Kurzübersicht zum Projekt
„Seniorinnen und Senioren im Mittelpunkt – Beratung und Teilhabe in Essen“ ist ein gemeinsames Projekt der Contigo-Ruhr gGmbH und der Ehrenamt Agentur Essen e. V. Es wird von der Brost-Stiftung gefördert und in der aktuellen Projektphase bis Ende 2027 umgesetzt. Der Schwerpunkt liegt auf den Essener Stadtteilen Frohnhausen, Holsterhausen und Altendorf.
